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Montag, 23.12.2019

23.12.2019 ZMD-Vorsitzender Aiman Mazyek mit Weihnachts- und Neujahrsansprache - Der Zentralrat wünscht ein besinnliches Weihnachtsfest und ein friedvolles Jahr 2020



Die Ideologie des Nationalsozialismus hat Menschen dazu gebracht, jedes Maß an Menschlichkeit zu vergessen. Dies gilt auch für alle anderen, verwandten Varianten des Extremismus, seien sie völkisch, religiös, ethnisch oder sektiererisch motiviert. Heute gibt es leider mehr denn je Anzeichen dafür, dass „die Menschheit die Lehren aus Auschwitz“, dessen Befreiung 2020 sich zum 75. Mal jährt, „nicht vollständig verinnerlicht hat“, um einen Zeitzeugen, der das mörderische Grauen überlebt hat, und den wir als Vertreter des Zentralrats bei unserem Besuch der nationalsozialistischen Vernichtungslager kennenlernen durften, einmal hier zu zitieren. Und auf unsere Frage, welchen Rat er uns geben könne, damit sich Auschwitz nicht wiederhole, antwortete dieser über 90 Jahre alte Zeitzeuge: „Seid füreinander Brüder.“  

Welch großartige Richtschnur für unser Leben, was für eine notwendige und vor allem versöhnliche Botschaft. Gerade diese vorweihnachtlichen Tage geben uns auch die Gelegenheit Friedrich Schillers Aufruf „Alle Menschen werden Brüder“ in seiner „Ode An Die Freude“ im wahrsten Sinne des Wortes wieder für uns zu entdecken. In seiner letzten Weihnachtsansprache formulierte Papst Franziskus dieses große Anliegen der Menschheit in vortrefflicher Weise mit diesen Worten: „Das Weihnachtsfest lässt uns die Bande der Brüderlichkeit wieder entdecken, die uns als Menschen einen und alle Völker verbinden“. Und weiter führte das Oberhaupt der katholischen Kirche aus, dass die Verschiedenheit uns nicht schade, sie sei vielmehr ein Reichtum. Und er zieht den Vergleich zu einem Künstler, der ein Mosaik gestalten will, und sagt: „Es ist besser, Steine mit vielen Farben zur Verfügung zu haben, als nur mit wenigen Farben zu arbeiten“.  

Der Islam hebt die Würde des Menschen und die Besonderheit der Schöpfung durch den Allmächtigen hervor. Im edlen Koran heißt es in der Sure „Al-Israh“ im Vers 70 hierzu: „Und wahrlich, Wir haben die Kinder Adams mit Würde ausgestattet [geehrt].“ Dies bedeutet, dass jeder Mensch vom Schöpfer allen Seins mit identischer Würde ausgestattet worden ist, ganz gleich ob er religiös ist oder nicht.

Es gibt sehr viele Beispiele aus dem Leben des Propheten, die beispielhaft verdeutlichen, was der Islam mit der Achtung der Menschenwürde lehrt. Eine den Muslimen sehr vertraute authentische Überlieferung des Propheten Mohammad (Friede sei auf ihm) besagt, dass der Prophet aus Respekt aufstand, als eines Tages eine jüdische Totenprozession an ihm vorbeizog. Als er von einem seiner Gefährten darauf hingewiesen wurde, dass es das Begräbnis eines Juden sei, antwortete er: „Ist das keine Menschenseele?“ Der Prophet des Islam hat mit dieser Bekundung des Respekts für einen Menschen uns nicht nur an unseren gemeinsamen Ursprung erinnert, sondern er hat insbesondere darauf Wert gelegt, jeden Anflug von Hochmut und Rassismus bei den Glaubenden im Keim zu ersticken. Wenn also der Prophet aus Respekt vor der gottgegebenen Würde eines toten Menschen sich erhob, lehrt uns dieses Beispiel nicht, dass wir ALLE ebenso dazu verpflichtet sind, die Würde des lebenden Menschen umso höher zu schätzen?  

Wir bitten sodann Gott, dass er unser Land schützen möge. Möge Er, der Schöpfer allen Seins, unsere Gesellschaft vor dem Rassismus, dem Hass, der Ignoranz derjenigen, die das Rad der Geschichte in die Zeit tiefster Dunkelheit zurückdrehen wollen, schützen und möge Er uns die Kraft und die Geduld geben, diesen hetzerischen Stimmen energisch und kraftvoll entgegen zu treten.  

Setzen wir also auf das Verbindende, auf das uns in allen Religionen und Weltanschauungen auferlegte Gebot, Frieden auf Erden zu stiften, ihn vorzuleben und in Einheit in der Vielfalt im demokratischen Sinne für ein inklusives, rechtsstaatliches und vorbildhaftes Deutschland zu streiten.  

In diesem Sinne bedanke ich mich im Namen des Zentralrates der Muslime in Deutschland (ZMD) für die gute Zusammenarbeit und das entgegengebrachte Vertrauen in dem sich nun seinem Ende zuneigenden Jahr.  

Im Namen des Zentralrats wünsche ich Ihnen ein frohes und besinnliches Weihnachtsfest und ein friedvolles, glückliches und erfolgreiches Jahr 2020.  

Köln/Berlin den 23 Dezember 2020 / 25 Rabi'ath-Thani 1441







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