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Zentralrat der Muslime in Deutschland e.V.

Dienstag, 01.11.2016


01.11.2016 Rede von Aiman Mazyek (Zentralrat der Muslime in Deutschland/ZMD) zum Reformationstag in der Laurentiuskirche Altdorf

„Christen und Muslime, gemeinsam für Barmherzigkeit und Nächstenliebe – Was ich mir von Christen erhoffe. Aiman Mazyek zum Reformationstag in der - es gilt das gesprochene Wort

Anrede!

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

zu Anfang entbiete ich ihnen den islamischen Friedensgruß „Assalamu alaikum – Frieden sei mit Ihnen und über uns“.

In der Vorbereitung des Vortrages und Auseinandersetzung der Geschichte der Laurentiuskirche erfuhr ich, dass in der spätbarocken Zeit eine hier typische Universitätskirche mit einem entsprechend großen Platzangebot entstand. Möge der heutige Tag ganz in der Tradition der Kirche für uns Wissenserweiterung und ebenso wichtige Friedenserfahrung sein.

Der Islam bedeutet Frieden, und der Muslim ist angehalten, mit Gott, seinen Mitmenschen und sich selber in Frieden zu leben. Das tägliche »Salamu alaikum« (übersetzt »Friede sei über dir«) – der muslimische Friedensgruß – erzieht uns zu dieser Haltung. Die Verschiedenartigkeit und bunte Vielfalt der Menschen sieht der Islam als ein Zeichen Gottes: »Oh ihr Menschen, wir haben euch von einem männlichen und weiblichen Wesen erschaffen, und wir haben euch zu Verbänden und Stämmen gemacht, damit ihr einander kennenlernt. Der Angesehenste von euch bei Gott, das ist der Gottesfürchtigste von euch« (49:13). Das ist der Grund der Verschiedenheit der Menschen, damit sie einander kennenlernen. Maßstab und Bewertung aller Menschen ist nicht ihre Volks- oder Ethnienzugehörigkeit, sondern die Gottesfürchtigkeit, das heißt, die Tat und die Rechtschaffenheit eines Menschen machen ihn zu einem besseren oder weniger guten Menschen. Der Islam garantiert die Freiheit der Religionsausübung, manifestiert in den Koranversen, »es gibt keinen Zwang im Glauben« (2:256) und »euch eure Religion und mir meine Religion« (109:6). Daraus leitet der Zentralrat der Muslime in Deutschland in seiner im Jahr 2002 herausgegebenen »Islamischen Charta« ab: »Daher akzeptieren sie [die Muslime] auch das Recht, die Religion zu wechseln, eine andere oder gar keine Religion zu haben.«

Die Existenz verschiedener Religionsgemeinschaften wird im Koran nicht negiert. Im Gegenteil: »Denn wenn Allah (ein anderes Wort für Gott, die Christen in der arabischen Welt nennen den einen, unseren Gott ebenso Allah) gewollt hätte, hätte er euch (Juden, Christen und Muslime) zu einer einzigen Gemeinschaft gemacht. Doch will er euch prüfen in dem, was er euch hat zukommen lassen. So eilt zu den guten Dingen um die Wette. Zu Gott werdet ihr allesamt zurückkehren, dann wird er euch kundtun, worüber ihr uneins waret.« (Koran 42:8)

Immer wieder drückt die Offenbarung aus, dass Gott Frieden wünscht, und zwar für alle Religionen: "Und wenn Gott nicht die einen Menschen durch die anderen zurückgehalten hätte, so wären gewiss Klausen, Kirchen, Synagogen und Moscheen, in denen der Name Gottes häufig genannt wird, zerstört worden. Gott wird sicher dem beistehen, der Ihm beisteht." (22:40) Die Muslime werden ausdrücklich gewarnt: "O ihr, die ihr glaubt! Setzt euch für Allah ein und seid Zeugen der Gerechtigkeit. Und der Hass gegen eine Gruppe soll euch nicht (dazu) verleiten, anders als gerecht zu handeln. Seid gerecht, das ist der Gottesfurcht näher. Und fürchtet Allah; wahrlich, Allah ist eures Tuns kundig." (Koran 5:8)

Für den Muslim darf also dieses Bekenntnis nicht nur als ökumenisches Wort zu festlichen Gelegenheiten wie diese reduziert werden.

Als abrahamitische Religion und Träger göttlicher Offenbarungen, als »Leute der Schrift«, müssen Muslime Juden und Christen respektieren und anerkennen. Zudem spricht der Koran von allen Propheten und vor allem von Moses und Jesus mit großem Respekt. Jesus wird von den Muslimen als großartiger Prophet mit einer großartigen Mutter verehrt: »Und Wir haben Jesus, dem Sohn Marias, die deutlichen Zeichen zukommen lassen und ihn mit dem Geist der Heiligkeit gestärkt« (2:253). Nach Maria ist ein ganzer Koranabschnitt – eine Sure – benannt. Der Prophet Mohammed sagt zu ihr: »Von den Frauen erreichte keine eine Vollkommenheit wie Maria, die Tochter Imrans« ( Sahih Buchari und Muslim)

Der Koran verpflichtet die Muslime, mit den Andersgläubigen den Dialog auf beste Art und Weise zu führen. »Und streitet mit ihnen auf die beste Art« (29:46). Hier ist »streiten« im Sinne von Streitkultur gemeint. Durch die Erlaubnis einer Tisch- und Ehegemeinschaft mit Christen und Juden wird den Muslimen die gesellschaftliche Teilhabe unbesehen der Religionszugehörigkeit ermöglicht.

Meine Damen und Herren. Die Thora, das Evangelium, die humanistische Tradition und der Koran, sie alle sprechen von der Würde des Menschen – jedes Menschen –, die es zu achten und zu verteidigen gilt. Diese Unantastbarkeit der Würde des Menschen ist ein hohes Gut unserer freiheitlich-demokratischen Ordnung, deshalb ziert sie auch den Anfang unseres Grundgesetzes.
Werte der Demokratie, der Rechtstaatlichkeit, der Gerechtigkeit und Menschenrechte müssen stets aufs Neue erkämpft und verteidigt werden. Das Virus menschlicher Zerstörungswut müssen wir zurückdrängen, ob im Gewande des Rassismus, des religiösen Extremismus oder politischen Fundamentalismus. Und besonders wir Muslime haben ein vitales Interesse, dem religiösen Extremismus entgegenzutreten.

Was wir brauchen, sind Menschen, die Zuversicht, Barmherzigkeit, Solidarität und Nächstenliebe verbreiten und leben. Jene Nicht-Selbstgefälligen, die versuchen, der Welt ein wenig mehr Frieden zu geben. Gott, lass mich ein radikaler Gutmensch sein – ja, ich weiß, das ist der echter Dschihad, nicht der heilige Krieg, nicht das Töten Unschuldiger.

Von unseren Zynikern und Bedenkenträger wird der Gutmensch belächelt und in die Ecke gestellt. Aber ich glaube, die verstecken dahinter, ähnlich wie Fundamentalisten, nur ihr kümmerliches Nichtstun und ihren Nichteinsatz für den Frieden, der zu Hause, am Arbeitsplatz, am Marktplatz, in der Kirche, Synagoge oder Moschee beginnt und sich dann entwickeln kann. Das ist anstrengend, das wissen wir.

Der Islam ist für mich dabei nicht exklusiv, sondern gehört allen Menschen und nicht dem Muslim alleine. Islam ist auf keinen Fall wie eine Automarke oder ein Abzeichen zu verstehen. Er ist auch keine Ethnie.

Menschen tun Gutes. Wenn etwas Gutes getan wurde, ist für die Tat als solche unerheblich, ob es ein Muslim getan hat oder ein Nichtmuslim. Wir sollten den Islam in unseren Herzen und Köpfen nicht mehr exklusiv verstehen, wir müssen das Wort Exklusivität durch das Wort Verantwortung ersetzen, und dann ist klar, was gemeint ist. Oder mit der koranischen Zuschreibung unseres Propheten und aller anderen Menschen, die sich dem Frieden widmen, dass sie »als Zeugen« für die Menschheit gelten.

Auf diesem Weg werden natürlich immer wieder Fehler gemacht, denn der Mensch ist fehlbar und vergisst. Auf Arabisch heißt Mensch Inssan, das Verb dazu ist nassa und bedeutet vergessen. Demnach ist der Mensch ein Vergesslicher, ein Geschöpf der Vergesslichkeit. Gott weiß das, schließlich hat er uns erschaffen, und er übt dazu barmherzige Nachsicht. Er erinnert uns auf wundervolle Weise immer wieder daran. Wenn wir hinfallen, macht das also nichts, tragisch ist nur, wenn wir nicht wieder aufstehen und uns in unserem Menschsein vergessen.

Meine Damen und Herren,

Deutschland kann und wird die Einheit der Verschiedenen besser leben können, wenn wir alle begreifen, dass Religionen und das Wissen um sie uns nicht einengen, sondern bereichern, das gilt auch für die religiös eher unmusikalischen unter uns. Und ein Mehr an Spiritualität, ob es bspw. das Gebet am Flughafen vor Reisebeginn im Andachtsraum oder das mit dem autogenen Training vergleichbare fünfminütige Mittagsgebet in der Mittagspause am Arbeitsplatz ist, hat einer Gesellschaft noch nie geschadet.
 
Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, hat in den letzten Tagen angesichts des bevorstehenden Reformationsjahr und den Dialog mit den Muslimen etwas Bemerkenswertes gesagt: “Eine Grundlage für den interreligiösen Dialog bestehe darin, die jeweils anderen nicht an ihren schwächsten Ausprägungen zu messen, sondern die Stärken zu sehen». Dabei müssen wir stets, wie die frisch gekürte Preisträgerin des Friedenspreises des deutschen Buchhandels, Caroline Emcke, in ihrer viel beachtenden Rede in der Paulskirche dies vorexerziert hat, bereit sein, für die Vielfalt und gegen die Diktatur der Einfalt und des Hasses anzuschreiben und anzureden.

Einen Appell an die etablierten Parteien, insbesondere an Konservative und hier ganz besonders an die CSU in Bayern habe ich doch noch: Bitte verliert vor den Wahlen nicht die Nerven und kopiert so manch gefährliche rechtspopulistische Parole im Gewande von Sündenbockdiskussionen und Abwertungen anderer Minderheiten oder Andersartigen. Das Konzept geht nicht auf – das sehen wir in Österreich, in Frankreich, in England oder Ungarn. Stets wird das Original am Ende gewählt. Mein Vorschlag: Setzten sie sich mit den Rechten handfest und klar auseinander und verzichten sie vollständig auf die Taktik: Kopieren oder Ignorieren.

Denn sonst wird sträflich übersehen, dass die strukturelle und alltägliche Diskriminierung und Feindseligkeiten gegenüber den Muslimen bereits jetzt Realität ist. Sie wird in Teilen durch die gegenwärtige Diskussion noch schlimmer. Die Vorbehaltsdiskussion gegenüber den Muslimen muss ein Ende nehmen. Wir sind Deutsche, deutsche Muslime und dies nicht nur auf Bewährung.

Auch haben einige noch nicht ganz verstanden, dass die rassistischen Übergriffe auf andersgläubige Menschen, Moschee- und Synagogen-Attentate, Anschläge auf türkische Wohn- und Geschäftsstraßen nur die Spitze eines Eisberges sind. Von diesem Eisberg ist in den letzten Jahren immer mehr sichtbar geworden. Und mit ihm eine beklagenswerte Haltung des Wegschauens und Verharmlosens. Dabei sind diese Anschläge im Grunde genommen Anschläge auf unsere gesamte Gesellschaft, ja, sie stellen eine große Gefahr für unsere gesamte Demokratie dar. Dies ist an den über ein Jahrzehnt den Opfern angelasteten Morden des rechtsextremen NSU überdeutlich geworden.

Albert Einstein hat einmal gesagt: »Die Welt ist viel zu gefährlich, um darin zu leben – nicht wegen der Menschen, die Böses tun, sondern wegen der Menschen, die danebenstehen und sie gewähren lassen.« Wir brauchen jetzt mehr denn je eine Gesellschaft, in der Solidarität wieder das bedeutet, was es ist: Verlässlichkeit. Wir brauchen eine Gemeinschaft, in der man sich empört über alltägliche Ungerechtigkeit, über Elend und Menschenverachtung. Und da sind die Religionen in der Pflicht. Heute heißt es zivilgesellschaftliches Engagement oder Solidarität, früher sprach man von Geschwisterlichkeit (Brüderlichkeit), Nachbarschaftshilfe oder Nächstenliebe. Mit allem ist Ähnliches gemeint: Einsatz für den Frieden, für Gerechtigkeit, Wohlfahrt und Wohlergehen in meiner unmittelbaren Umgebung. In einem Ausspruch des Propheten heißt es: »Keiner von euch ist gläubig, bis er für seinen Bruder wünscht, was er für sich selbst wünscht.« Und Jesus sagt: »Liebe deinen Nächsten wie dich selbst« (Lukas 10:27 und Matthäus 22:39 u. a.).

Meine Damen und Herren,

Werte der Demokratie, der Rechtsstaatlichkeit, der Gerechtigkeit und Menschenrechte müssen stets aufs Neue erkämpft und verteidigt werden gegen jede Art von Rassismus, religiösem Extremismus, politischem Fundamentalismus. Die Erkenntnis der notwendigen Trennschärfe kam in Norwegen vor einigen Jahren übrigens auch nicht von ungefähr, und sie war im wahrsten Sinne mörderisch und teuer bezahlt worden. Beim brutalsten Anschlag, den Norwegen je erlebt hat, ermordete der islamfeindliche Anders Behring Breivik, der sich selber als den wahren Christen bezeichnet, im Juli 2011 in Oslo und auf der Insel Utoya 77 Menschen. Ähnlich wie die Pariser Attentäter hat der Mörder sich nicht direkt über eine Gruppe radikalisiert, sondern galt als typischer Einzeltäter. Der damalige Ministerpräsident Jens Stoltenberg hat international Anerkennung für seine Reaktion erhalten, als er betonte: »Unsere Antwort lautet: mehr Demokratie, mehr Offenheit, mehr Menschlichkeit.«

Blickt man in die Geschichte, und nicht zuletzt darauf, wie HitlerDeutschland seine Wahnideen verbreiten konnte, wird deutlich, wie leicht Menschen Rassismen und Überlegenheitsdoktrinen aufgrund vermeintlicher Herkunft erliegen können. Wenn man so will, ist es die Ursünde des Menschen und Ursache allen Übels auf der Welt: andere herabzusetzen und sich zu erheben. Die Komplizen dieses menschenfeindlichen Aktes nennen sich Arroganz und Überheblichkeit, Narzissmus und Rassismus. Alle haben eines gemeinsam: sich einzubilden, dass man etwas Besseres darstellt als der andere. Der Beginn jedes Disputes, welcher am Ende darin mündet, dem anderen sein Menschsein abzusprechen und die Begründung bis hin zur völligen Vernichtung zu liefern, eben weil er ja ein Monster und hochgefährlich ist. Das sind die Anfänge aller Kriege.

»Viele hierzulande sind erzogen worden, auf den Islam herabzuschauen«, sagte Altkanzler Helmut Schmidt einst. Schmidt machte dann gedanklich einen kleinen, aber nicht unbedeutenden theologischen Ausflug, wonach der Koran Jesus und Maria Ehrerbietung und größte Wertschätzung entgegenbringt und dass er selbst dies erst lernen musste. Und Schmidt war klug genug, einen noch wesentlicheren Satz nachzuschieben. Er sagte nämlich, dass die Initiative zur Überwindung der Kluft zwischen dem Westen und der islamischen Welt vom Westen selber kommen müsse, »da er politisch und ökonomisch immer noch hoch überlegen ist«.

Wirtschaftliche und militärische Überlegenheit konnte für ihn also nur im Kontext von Verantwortung und Gestaltungswillen stehen. Ich wünsche mir, dass dieser Ansatz und diese Erkenntnis in der Politik umgesetzt werden. Nicht umsonst spricht man bei den Errungenschaften der Demokratie eher von den daraus resultierenden Pflichten – und nicht nur von den Rechten. Bedeutet nun diese Erkenntnis, dass wir Muslime unsere Hände in den Schoß legen können und warten sollen, bis eines Tages diese Änderung von anderer Seite kommt? Ganz sicher nicht. Die jüngste Krise, die sich immer mehr als ein längst überwunden geglaubter Ost-West-Konflikt zwischen Russland und der westlichen Welt darstellt, sollten wir auch nutzen, um etwas Wesentliches deutlich zu machen: Die Schnittmenge zwischen Islam und der hierzulande viel zitierten Wertegemeinschaft ist viel größer, als es uns im ersten Augenblick gewahr wird. Um dies zu erkennen, müssen aber beide Seiten bereit sein, auf ihre lieb gewonnenen Vorurteile und Stereotype zu verzichten, damit das gegenseitige Zuhören und gegenseitige Fragenstellen wieder gelingt.

Beispielsweise heißt es zu Recht, dass das Christentum Europa entscheidend geprägt hat. Es darf aber gleichzeitig nicht unterschlagen werden, dass ebendieses Christentum aus dem Morgenland und nicht aus Brandenburg oder Bayern kommt – und ebenso der Islam und das Judentum, die wiederum deutliche Spuren in unserer abendländischen Kultur hinterlassen haben. Christentum, Islam und Judentum sind also seit jeher miteinander verknüpft. Uns wird heute – aber erst durch den schmerzhaften Druck der Flüchtlingskrise, nicht durch Erkenntnis – klar, dass das, was momentan jenseits des Mittelmeers passiert, gar nicht so weit weg ist, wie wir einst glaubten. Und dass jenes Land, dem derzeit das größte Leid durch Vertreibung, Ermordung und Flucht zugefügt wird, nämlich Syrien, - da wo Jesus und Paulus gegangen sind - das Land ist, in dem gerade die Erinnerung und die Insignien unser aller Zivilisation durch den schrecklichen Krieg unwiederbringlich zerstört werden.

Meine Damen und Herren,

Kritisch möchte auch zur gegenwärtigen muslimischen Verfassung was sagen. Wir dürfen weiterhin nicht den Mut verlieren oder die Kraft bestimmte Fehlentwicklungen beim Namen zu nennen. Wir fürchten da keine Weltgerichte irgendwelcher Terroristen– auch wenn diese noch so inbrünstig den Namen Gottes missbrauchen. Wir müssen einzig jenen Tag fürchten, an dem sie vor ihrem Schöpfer stehen und gefragt werden: Was habt ihr angesichts dieser krassen Fehlentwicklungen getan? Dann darf die Antwort nicht lauten: Wir haben uns in der Opferrolle gefallen, uns sind die Nerven durchgegangen, und wir haben dann den Islam besudelt mit dem Blut unschuldiger Menschen! Nein, das darf, bei Allah, nicht unsere Antwort sein! Eine Politik, wonach der Zweck die Mittel heiligt, eine militärische Operation, die noch dazu eine moralische sein soll und deren Verantwortliche sich als Opfer von Unrecht gerieren? Nein, das geht eindeutig nicht zusammen. Dies ist die sprichwörtliche Quadratur des Kreises, und allein der krampfhafte Versuch, diese umzusetzen, muss kläglich scheitern. (Auch wenn das in der Geschichte unter dem Deckmantel von Religion immer wieder versucht worden ist.) Denn das führt unweigerlich zum Nihilismus, zur Bereitschaft, jederzeit für das angeblich höhere Ziel die eigenen Werte zu negieren und schließlich zu verraten. Aber genau dieser Irrglaube hat sich im muslimischen Denken eingenistet.

Angesichts des unendlichen Leids, das diese Terroristen über unzählige Menschen gebracht haben, müssen wir uns fragen: Warum verüben manche Muslime solche abscheulichen Taten? Und warum tun sie so, als seien Juden und Christen die eingeschworenen Feinde des Islam? Haben denn die Attentäter nicht gewusst, dass der Islam den Schutz von Synagogen, Kirchen und Moscheen gleichermaßen gebietet (22:38 ff.)? Wissen sie denn nicht, dass der ehrwürdige Prophet Mohammed ausdrücklich fordert, Christen und Juden unbehelligt zu lassen? Wissen sie nicht, dass er angekündigt hat, am Jüngsten Tag als Fürsprecher der ungerecht behandelten Christen und Juden aufzutreten (Hadith)? Und des Weiteren sagt er: »Der Gläubige ist derjenige, vor dem die Menschen in Sicherheit sind«
(Hadith). Er sagt nicht, »vor dem allein die Muslime in Sicherheit sind«, sondern er spricht von allen Menschen – ungeachtet ihrer Glaubenszugehörigkeit.

Ist den Mördern – und nur so kann ich diese Selbstmordattentäter bezeichnen, die meinen, unschuldiges Blut in ihrem vermeintlichen Krieg vergießen zu müssen – denn entgangen, dass der Koran Mord und Selbstmord verbietet (4:29; 5:32)? Wut und Trauer erfassen viele Menschen und gerade auch Muslime angesichts dieser Fragen. Moscheen und muslimische Verbände hierzulande haben diesen Terrorismus wiederholt mit Wort und Tat verurteilt. Gerade von hochrangigen islamischen Geistlichen und Gelehrten erwarte ich unmissverständliche Positionen. Es ist wichtig, einen auf friedliche Koexistenz ausgerichteten Islam zu predigen. Doch der Koran fordert mehr. Er fordert die Muslime ausdrücklich auf, gerecht zu handeln: »Seid Wahrer der Gerechtigkeit, (…), auch wenn es gegen euch selbst oder die Eltern und nächsten Verwandten sein sollte!« (4:135). Wir brauchen keine Fundamentalisten, keine Islamisten, eigentlich überhaupt keine -isten. Wer die Kraft des Guten für alle Menschen einzubringen bereit ist, sagt: Geht raus und helft den Menschen (nicht den Muslimen allein) und lasst ihnen die »Kraft des Guten« angedeihen oder, wie es im Koran heißt: »Das Gute tun, und das Schlechte verwehren«. Den Islam nicht als Ideologie, sondern als Lebensweise begreifen, nicht wie die meisten muslimischen Bewegungen, die leider das genaue Gegenteil propagieren und deshalb Anteil an bestimmten Fehlentwicklungen haben. Wir brauchen also wieder mehr Menschen, die Gutes tun, und keine Ideologen. Wir brauchen keinen Islam à la Lenin, sondern à la Ghandi.

Meine Damen und Herren,

Schaue ich als Deutscher mit einer deutschen Mutter und auch mit syrischen Wurzeln auf das Land meines Vaters, so scheint mir für die anstehenden großen gesellschaftlichen Debatten entscheidend, dass wir alle eines realisieren: Die über 4 Millionen Muslime in Deutschland sind eine nicht mehr wegzudenkende gesellschaftliche Gruppe, sie sind Teil einer gemeinsamen Geschichte. Längst ist Deutschland im Herzen vieler Muslime Teil ihres Denkens; dessen sind wir alle Zeugen, nicht zuletzt bei unserer Fußballnationalmannschaft.

Was wir jetzt brauchen, ist: Gelassenheit, Humor und weniger Fremdeln – ich habe den Eindruck, die »German Angst« ist fast eine Lieblingsbeschäftigung von uns Deutschen geworden. Angst vor der Gesellschaft, vor der Politik, vor der Zukunft.

Lasst uns also denen, die es gut meinen, wieder mehr zutrauen und sie ermutigen weiterzumachen; lasst uns ihnen noch mehr Sympathie und Unterstützung schenken. Ohne die vielen FlüchtlingshelferInnen, die meisten Guten in der Polizei, in den Ausbildungsstätten und an den Arbeitsplätzen dieser Republik, ohne das große Herz der wohlmeinenden Gutmenschen könnte Deutschland die Arbeit für die vielen Schutzsuchenden, die zu uns kommen, nicht stemmen.

Und schließlich: Die Kraft der Versöhnung und des Friedens in uns wachzuhalten, bedeutet, neben dem Mut, das eigene Scheitern einzukalkulieren, auch unserer Umgebung, unseren Mitmenschen und Freunden, ja, selbst unseren Widersachern die Chance einzuräumen, dass sie ihre Position korrigieren, sich verändern, ihre Fehler einsehen und sich so ändern können. Schließlich nehmen wir das für uns doch auch in Anspruch.

Der interreligiöse Dialog ist in diesen Tagen tatsächlich eine Herausforderung, so geht es nicht nur dabei um trennende und verbindende Aspekte des Glaubens zu besprechen, es geht auch um den gesellschaftlichen Dialog voranzubringen.

Wir brauchen heute mehr denn je die Stimmen aller Religionsgemeinschaften, der Kirchen, der Christinnen und Christen, Jüdinnen und Juden ja, aller Menschen guten Willens mit humanistischer Gestaltungskraft, die die Stimme der Solidarität, des Füreinandereinstehens, des Mitgefühls für den Fremden und für den Nachbarn erheben.

Eine große Kulturnation, zu der ich mein zähle, zeichnet sich durch Offenheit und Respekt gegenüber anderen Kulturen aus. Das hält sie lebendig und frisch. Das wusste der schon zitierte, bibelfeste Goethe genauso wie sein Kollege Herder, Rückert oder der Aufklärer Lessing, um nur einige zu nennen. Sie waren sich bewusst, dass die drei monotheistischen Religionen gleichen Ursprungs sind und allesamt aus dem Morgenland stammen.

Und natürlich gibt es so etwas wie eine deutsche Leitkultur. Ich denke dabei an die Werte des Grundgesetzes, an unser Land der Dichter und Denker. An Kant, Goethe und Schiller, an die jüdischen Dichter Heinrich Heine und Kurt Tucholsky und den muslimischen Friedenspreisträger Navid Kermani. Ich denke an »Made in Germany«, das Wirtschaftswunder in den Sechzigerjahren, das ohne die Türken auch nicht zustande gekommen wäre, an Wissenschaft und wirtschaftliche Leistungsfähigkeit, an Ordnung und Regeln, aber eben auch an die Lehren aus der Shoa. Dies alles gehört für mich zur Leitkultur. Und von mir aus auch Halal-Würstchen und Oktoberfest.

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Im Namen Allahs des Allerbarmers, des Barmherzigen,
Alles Lob gebührt Allah, dem Herrn der Welten
dem Allerbarmer, dem Barmherzigen.

Oh Allah, wir bitten dich um Beistand hier in der Laurentiuskirche, hier in Altdorf mit all den lieben Menschen in und außerhalb der Kirche.

Hilf uns in diesen Zeiten unsere Menschlichkeit nicht zu verlieren und die Ehre und Würde aller Menschen nicht zu beschädigen.

Lass uns denen zurufen, die das dennoch tun: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Oh Herr, hilf uns den Angehörigen und den Betroffenen zur Seite zu stehen.
Im Koran sagst du: „Und Wir haben gewiss die Kinder Ādams geehrt“,
Oh Gott, hilf uns zu verinnerlichen, dass wir alle Kinder Adams sind,
unabhängig von Nationalität, Religion oder Hautfarbe.

Lieber Gott, hilf uns zu verstehen dass die Menschenrechte, die Freiheit und die Demokratie unteilbar sind und jedem zustehen

Du sagst im Koran: „Gewiss, der Mensch ist sehr oft ungerecht und sehr oft töricht“.

Oh Allah, lass uns nicht zu jenen gehören und lass uns jenen, die das tun, sagen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Wir beklagen, dass in unserem Land erneut Ewiggestrige erscheinen, die Hass und Zwietracht säen.
Oh Gott, lass uns nicht zu denjenigen gehören, die dies einfach so hinnehmen.
Denn das, was wir anderen antun wird auch uns angetan. Oh Gott, und lass die giftige Saat unser schönes Land nicht nachhaltig beschädigen.

„Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“

Oh Herr, lieber Gott, Oh Allah, Adonai: Beschütze Altdorf und ihre Bewohner.
Beschütze unser Deutschland und bewahre es davor in einen Strudel der Gewalt, der Verachtung und Intoleranz zu geraten.

Gib den Juden, den Christen, den Muslimen, gib allen Menschen guten Willens, Versorge und gewähre ihnen inneren Frieden und lass ihnen Zuflucht suchen vor dem Verderben des Hasses, des Egoismus und Vergessens der eigenen Seele Ursprunges.
 
Wahrlich, wir gehören Gott und zu Ihm kehren wir zurück – Amen.

Ich danke ihnen für die Aufmerksamkeit.